#ichbleibezuhause - Elternbrief vom Sozialpädagogen

 Werte Eltern.

Von #ichbleibedaheim aus schicke ich diesen Brief um einen konstruktiven Beitrag zu leisten in dieser schwierigen Zeit. 

 

Unten finden Sie Reflexionen aus meiner Perspektive als Sozialpädagoge, besonders aber auch die Adressen für Beratungs- und Hilfsangebote! 

Melden Sie sich bei Bedarf. Unterstützung sichern ist kein Zeichen von Schwäche, sondern gehört zur Übernahme von Verantwortung. 

Mit freundlichen Grüßen wünsche ich Ihnen und uns allen heilsame Kraft und Besinnung auf das Wesentliche, Hoffnung, Mut, Liebe und Solidarität. 

Ivo Passler

Schulsozialpädagoge SSP Meran Obermais

Tel +39 331 3153103         


Betreff: Gleichgewicht finden | Unterstützung sichern | Werte und “Herrschaften” | Solidarität üben | Hilfsangebot für Frauen in Gewaltsituationen | Was Kinder brauchen


Gleichgewicht finden

Daheim zu bleiben und soziale Kontakte stark zu reduzieren ist für die meisten von uns eine große Herausforderung. Unsere Bewegungsfreiheit ist jetzt für viele von uns in ungewohnter Weise stark eingeschränkt. Zudem haben viele von uns jetzt starke und teilweise sehr reale/berechtigte Zukunftssorgen und -ängste.

Das ist eine unbekannte neue Situation und wir müssen versuchen, jetzt neue Gleichgewichte in uns selbst und in unserer Familie zu suchen und zu finden. 

Das Risiko, dass die Nerven überstrapaziert werden und zwischenmenschliche Verletzungen in der Familie passieren, ist jetzt auch erhöht. Gerade jetzt gilt es Wege zu finden, unsere Bedürfnisse, Sorgen und Ängste auszudrücken, einander zuzuhören und ernst zu nehmen. Gewaltfrei und liebevoll!


Unterstützung sichern 

Auch wenn unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, so können wir uns bei Bedarf doch Unterstützung und Hilfe sichern. Unterstützung und Hilfe sichern ist ein Zeichen von gesundem Verantwortungsbewusstsein.

 

Als Schulsozialpädagoge biete ich all unseren Kindern/Jugendlichen, Eltern und Lehrpersonen in Bezug auf alle persönlichen Belange weiterhin vertrauliche Erstberatungs-Gespräche, über Telefon u/o Videotelefonie.

 

Sagen Sie das bitte auch nochmal Ihren Kindern weiter! Ich freue mich wenn sie mich anrufen wollen, auch gerne nur auf einen "Ratscher" mit ihrem Schulsozialpädagogen;) 

 

Ivo Passler

 

Tel +39 331 3153103         


Werte und “Herrschaften”

Es ist finde ich höchste Zeit zu reflektieren, wie sehr unsere weltweiten Krisen mit einem zerstörerischen Modell von “Herrschaft” zu tun haben. Für uns alle, aber besonders auch für viele von uns Männern ist es an der Zeit, unsere Position in der Familie und dementsprechend auch in der weiteren Gesellschaft neu, gewaltfrei und liebevoll zu verhandeln und zu finden. Dafür können wir uns jetzt besonders einsetzen. 

Auch wenn wir bislang der Überzeugung sind, zu den “guten” Männern zu gehören: wenn wir in unserer Gesellschaft nicht ein grundlegendes und strukturelles Machtproblem hätten, das sich auch besonders in (männlich geprägter) Gewalt ausdrückt, dann wären die Schutzhäuser für Frauen nicht notwendig und es gäbe nicht all die Feminizide, die wir oft einfach schnell aus dem Bewusstsein streichen. 

Denken wir darüber nach, was “Herrschaft” mit Unterdrückung und Ausbeutung weltweit zu tun hat. 

Im Projektunterricht habe ich dazu unter anderem  diesen Trailer zum Doku Film ERDE verwendet, besonders das Zitat vom Bergwerk-Arbeiter zu Beginn des Trailers:

https://www.youtube.com/watch?v=EUk9U_tLZG4&t=28s

Diese Überlegungen finde ich wesentlich, wenn jetzt in Zeiten verschärfter “Krise” Menschen teilweise wieder vermehrt einen Spitzel-Staat fordern, sich emotionell einbunkern, Gewalt an Grenzen legitimieren und fordern und nur mehr mit Tunnelblick denken. Das erinnert gefährlich an Geschichten unserer Großeltern, die auch in Südtirol offensichtlich vielfach noch überhaupt nicht durchgearbeitet wurden. Die Geschichten die wir nicht erzählen und die Verletzungen die wir nicht heilen… leider wiederholen wir die Fehler der Geschichte viel zu oft! 

Es liegt an uns, Gewaltspiralen zu unterbrechen.

Wenn wir nicht wissen, wie wir Gewaltfreiheit und Liebe üben sollen:

für alle von uns die Zugang zu Google und Youtube haben gibt es keine Ausreden. Suche nach “Gewaltfreiheit und Liebe”. 

[Für machtkritische Überlegungen erkunde besonders in dieser Zeit der “viralen Krise” zum Beispiel die Arbeiten von Naomi Klein.]


Solidarität üben

In dieser schwierigen Zeit haben schon viele Menschen in Südtirol gezeigt, dass sie bereit sind, sich solidarisch zu zeigen. Etwa mit dem Personal unserer Krankenhäuser, wo sich viele Menschen hohen persönlichen Risiken aussetzen, um Anderen zu helfen.

Wenn wir heute Solidarität üben, denken wir daran, dass diese Pandemie alle Menschen weltweit trifft, aber nicht alle Menschen in gleichem Maße. Manche sozialen Gruppen sind besonders betroffen. Menschen, die in unserer Welt-Gesellschaft bereits benachteiligt waren, sind jeder “Krise” besonders ausgesetzt. 

Menschen im sogenannten “globalen Süden” (Ex-Kolonialgebiete Europas), arme Menschen, Obdachlose, Menschen in Haftanstalten, kranke Menschen, Alte, Menschen die persönlich von Rassismus betroffen sind, Frauen …

Im internationalen Vergleich sind manche Länder besonders verletzlich, etwa weil es große Ballungszentren gibt wo Selbst-Isolation sehr schwer durchführbar ist, oder weil die Sanitäts-Systeme sehr unterfinanziert sind, oder weil viele Menschen sich Selbst-Isolation einfach ökonomisch nicht leisten können...

Wenn wir Solidarität üben, denken wir besonders auch an die Menschen, die noch verletzlicher sind als wir selbst!

Üben wir Solidarität von den Rändern der Gesellschaft her! In manchen Städten der Welt (Kalifornien/Oakland) wurden Hotels angemietet, um obdachlosen Menschen die Selbst-Isolation zu ermöglichen. Vielleicht wird da endlich klar, dass würdiges Wohnen ein gesichertes Grundrecht sein muss! Und in Südtirol? Wie viele Menschen leben in Bozen noch auf der Straße!??

Jetzt ist ein Moment um einzusehen, dass die Erde wirklich rund ist und wir als Menschen, als Lebewesen alle miteinander verbunden sind. Es darf uns nicht mehr “kalt lassen”, wenn unsere Nachbar*innen von Schicksalsschlägen betroffen sind. Wir müssen einsehen, dass die extremen Armuts- und Reichtums-Scheren in unserer Weltbevölkerung ins Desaster führen.

Üben wir Solidarität. Nehmen wir wenn dann uns selbst zurück, anstatt Andere, schwächere Glieder der Gesellschaft auszugrenzen! Fordern wir Solidaritätsbeiträge in erster Linie nicht von Menschen, die gesellschaftlich bereits diskriminiert/ausgegrenzt werden, sondern besonders von den Menschen, die stark privilegiert sind. 

Während wir mit dem Coronavirus ringen, sind in der Demokratischen Republik Kongo mehr als 6000 Menschen an einer Masern-Epidemie verstorben. Großteils Kinder. Aufgrund von Mangel an Impfstoff. Denke wir darüber nach. Was die Armut im Kongo mit dem Coltan in unserem Handy zu tun hat…

Das bedeutet nicht, dass unsere Probleme zweitrangig sind. Aber wir sind alle auf demselben Planeten. Und erst wenn ALLE Menschen dieser Erde ein würdiges Leben leben können, können wir wirklich von eingelöster Menschheit und Menschlichkeit sprechen. Bis dahin gilt es, Solidarität zu üben. Besonders mit den am stärksten Betroffenen.


Gewalt an Frauen - Beratungs- und Unterstützungsangebote in Südtirol

Gewalt an Frauen passiert in Südtirol jeden Tag. Sie kann körperlicher, psychischer, sexueller oder ökonomischer Art sein. Die betroffenen Frauen haben häufig Angst, sind unter Druck oder fühlen sich hilflos.

Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, erleben derzeit eine besondere Belastungs- und Risikosituation.

In Südtirol gibt es kostenlose und anonyme Beratungs- und Unterstützungsangebote an die sich Betroffene wenden können:

Bozen – GEA Kontaktstelle gegen Gewalt: 800 276 433 (24h)

Bozen – Haus der geschützten Wohnungen: 800 892 828 (24h)

Meran – Frauen gegen Gewalt: 800 014 008 (24h)

Brixen – Beratungsstelle für Frauen in Gewaltsituationen: 800 601 330 (24h)

Bruneck – Frauenhausdienst: 800 310 303 (Bürozeiten)

 

Europäische Notrufnummer: 112 (24h)

Italienweit – Notrufnummer für Opfer von Gewalt und Stalking: 1522 (24h)

Beratungseinrichtungen für Männer:  Caritas Männerberatung: 0471 324649


Was Kinder brauchen

Im Internet finden wir viele Möglichkeiten zu recherchieren:

  • Meditationsübungen für Kinder, Jugendliche, Erwachsene

  • Bastelideen die wenig Materialien benötigen

  • Gymnastik-Übungen für zu Hause

Falls Sie Ideen brauchen, melden Sie sich bei mir ! Ich kann auch von zu Hause aus mit überlegen und Ideen und Anleitungen schicken…

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Das neuartige Coronavirus verunsichert nicht nur uns Erwachsene, sondern auch unsere Kinder. Auch sie haben Fragen, Ängste und Sorgen. Kinder können anhänglich und ängstlich, aber auch ärgerlich und unruhig reagieren. Was brauchen unsere Kinder jetzt und was können wir Eltern für sie tun:

  •     Versucht, ruhig zu bleiben – Kinder haben feine Antennen und nehmen vieles aus ihrer Umgebung wahr. Ruhige Eltern vermitteln Sicherheit.

  • Nehmt die Fragen, Ängste und Sorgen eurer Kinder ernst und sprecht mit ihnen darüber. Kinder wollen wissen, worum es geht und erwarten sich altersgerechte Antworten auf ihre Fragen.

  •     Verbringt viel Zeit mit euren Kindern und lasst ihnen Raum zum Spielen und zum Vergessen. Schenkt ihnen Aufmerksamkeit und Liebe.

  •     Behaltet Alltagsroutinen und Rituale bei oder schafft neue – auch das gibt Sicherheit.

  •     Besprecht die Sicherheitsmaßnahmen mit euren Kindern und setzt sie gemeinsam im Alltag um.

  • Konfliktthema Hausaufgaben: Hausaufgaben sollen keine zusätzliche Stress- und Streitquelle werden. Baut Hausaufgaben soweit wie möglich in die neue Alltagsroutine ein, aber konzentriert euch vor allem darauf, eine gute Zeit mit euren Kindern zu verbringen.

(von www.forum-p.it